Dipl.-Biol. Friederike Erlinghagen Facebook Icon
Klassische Tierhomöopathie, Ernährungsberatung und Phytotherapie für Hunde und Katzen

Klassische Homöopathie für Tiere

Historisches und Grundprinzipien

Die Homöopathie (homoin pathos = ähnliches Leiden) als eigenständige Heilmethode wurde von dem deutschen Arzt, Apotheker und Chemiker Dr.med.habil. Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755-1843) begründet. Im Jahr 1796 veröffentlichte er seine Gedanken über diese Heilmethode. Bis dahin führte Hahnemann seine ersten Selbstversuche mit verschiedenen Stoffen durch und beschrieb die „Arzneibehandlung nach Ähnlichkeit“, die Grundlage nach der Simile-Regel. Gedankengänge in dieser Richtung und selbst Arzneimittelprüfungen tauchten bereits in früheren Jahrhunderten auf, u.a. Hippokrates (460-377 v. Chr.). Der deutsche Arzt Paracelsus (1494-1541) und Anton Störck (1731-1805) wiederholten dieses Gesetz. Hahnemann kommt der Verdienst zu, als erster diese Grundregel zu erforschen und damit ein neues medizinisches System zu manifestieren.

Hahnemann hat die Lehre der Homöopathie in seinem Buch „Organon der Heilkunst“ auf 4 Säulen gestellt:

Die erste Säule ist die Ähnlichkeitsregel „Similia similibus curenter“ (Ähnliches soll mit ähnlichem geheilt werden). Hahnemann sagt: „Wähle, um sanft, schnell, gewiß und dauerhaft zu heilen eine Arznei, die ein ähnliches Leiden für sich erregen kann, als sie heilen soll“ (Arzneifindungsprinzip).

Die zweite Säule ist die Arzneimittelprüfung am gesunden Menschen. Die Homöopathie kennt keine Tierversuche. Die Ergebnisse der Arzneimittelprüfungen am gesunden Menschen sind in der reinen Arzneimittellehre dargelegt und stellen die Grundlage der Therapie dar. Die Materia medica (der homöopathische Arzneischatz) umfasst mehr als 500 derart geprüfte Mittel. Bis heute sind ca. 2000 homöopathische Mittel bekannt, von denen ca. 200-300 Mittel häufiger für Therapien Verwendung finden.

Die dritte Säule ist die homöopathische Arzneizubereitung. Das Besondere der homöopathischen Arzneimittel sind die sehr kleinen Arzneidosen, die Potenzen genannt werden. Das Herstellen von Potenzen bezeichnet die Homöopathie als Potenzieren. Potenzieren im homöopathischen Sinne bedeutet Verstärkung der Arzneikräfte durch Verdünnung nach homöopathischen Vorschriften gemäß HAB. So ist Potenzieren das Aufteilen des Arzneistoffs in rhythmischer Weise (Verschüttelung bzw. Verreibung bei Festoffen nach homöopathischen Vorschriften), durch diese Verfahren wird die Arzneikraft freigesetzt oder verstärkt und an den Trägerstoff weitergegeben. Diese besondere, von Hahnemann als Potenzierung bzw. Dynamisierung bezeichnete Zubereitungsform ist der Grund für den Unterschied zwischen einer homöopathisch hergestellten Potenz und einer normalen Verdünnung gleicher Konzentration. Ein Verhältnis 1:10 (= (D)-Dezimal-Potenzen) oder 1:100 (= (C)-Centisemal-Potenzen bedeutet 1 Teil des Urstoffes / der Urtinktur wird mit 9 Teilen bzw. 99 Teilen der Trägersubstanz aufgearbeitet. So erhält man die D1 bzw. C1, von der wiederum 1 Teil auf gleiche Weise weiterverarbeitet wird, um zur D2 (1:10:10) bzw. C 2 (1:100:100) zu gelangen. Die nachfolgende Ziffer gibt also den Potenzierungsgrad an (Beispiel: C 3: es liegt die 3. Centisemalpotenz vor). Eine D-Potenz entfaltet eine heftigere Wirkung als ein C-Potenz gleicher rechnerischer Konzentration, z.B. D 4 / C 2. Tiefe Potenzen sind Verdünnungsstufen bis D 6 / C 3 / LM 1 (LM = Q-Potenz 1:50.000). Potenzen ab D 23 / C 12 / LM 3 enthalten kein Molekül des Ausgangsstoffes mehr und werden als Hochpotenzen bezeichnet. Mittlere Potenzen liegen zwischen diesen Bereichen. Der nicht potenzierte Arzneistoff wird als Ursubstanz, der nicht potenzierte Pflanzenauszug als Urtinktur bezeichnet.

Tiefe Potenzen wirken noch eher durch ihren materiellen Anteil und können nach Körpergröße dosiert werden (sog. organotrope Homöopathie mit Wirkung auf einzelne Organe). Sie wirken weniger signifikant als höhere Potenzen und decken ein breiteres, aber weniger spezifisches Spektrum des Arzneibildes ab. Wenn die tiefe Potenz das Similium ist, so kann auch diese durchschlagend im Akutfall wirken. Sind Organe bereits geschädigt, können diese in ihrer Funktion mittels tiefer Potenzen unterstützt werden. Tiefe Potenzen werden in kurzen Abständen wiederholt verabreicht.

Höhere Potenzen wirken spezifischer und haben einen intensiveren Effekt als Tiefpotenzen. Hohe Potenzen zeigen ihre Wirkung sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene. Oberhalb der C30 spielt die Menge der applizierten Arznei auf die Wirkung der Lebenskraft eine untergeordnete Rolle. Hohe Potenzen wirken meist sehr viel länger als 30 Tage und werden seltener verabreicht.

Die Hochpotenzen sind einer der Gründe, warum die Homöopathie bis heute noch keine wissenschaftlich anerkannte Heilmethode ist. Obwohl die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel seit nunmehr 200 Jahren durch die erzielten Heilerfolge unbestreitbar ist und die Homöopathie als Therapieform weltweite Verbreitung gefunden hat, kann die oft sogar besonders gute und tiefgreifende Wirksamkeit der Hochpotenzen bis dato nicht wissenschaftlich nachgewiesen, erklärt bzw. reproduziert werden. Man vermutet, dass sich durch den Potenzierungsvorgang in der Trägersubstanz (Wasser-Alkohol oder Zucker) gewisse strukturelle Veränderungen abspielen, welche eine Information speichern.

Die vierte Säule ist die homöopathische Dosierungslehre. Die Dosierung mit homöopathischen Arzneimitteln beruht auf langjähriger Erfahrung.

Dabei muss die Dosis des Arzneimittels in jedem Fall von folgenden Faktoren abhängig gemacht werden:

Die homöopathischen Arzneimittel werden aus Arzneistoffen hergestellt, die aus dem Pflanzenreich, dem Tierreich oder von Mineralien stammen, aber auch synthetisch hergestellt werden können. Auch Krankheitsstoffe (Nosoden) werden eingesetzt. Pflanzliche Stoffe bilden die größte Gruppe, mineralische Stoffe die zweitgrößte Gruppe homöopathischer Arzneimittel. Letztere entstammen den Elementen, deren Verbindungen, Salzen und Säuren. Ihre Wirkung ist oft tiefgreifender als die pflanzlicher Arzneimittel. Nosoden werden vorwiegend aus Krankheitserregern und –produkten hergestellt. In der Homöopathie werden sie oft als Reaktionsmittel eingesetzt. Die Ursubstanzen werden als solche jedoch niemals verabreicht, sondern zu homöopathischen Arzneiformen verarbeitet.

Neben Tinkturen (alkoholische oder wässrige Auszüge von Urstoffen), Verreibungen (Triturationen, Verreibungen der Arzneisubstanz mit Milchzucker) und Tabletten u.a. Arzneiformen sind Streukügelchen (Globuli, aus Rohr- oder Rübenzucker hergestellte Kügelchen, die durch Befeuchten mit der flüssigen Potenz hergestellt werden) die in der klassischen Homöopathie am häufigsten verabreichte Arzneiform und werden über die Mundschleimhaut aufgenommen. Des Weiteren werden homöopathische Arzneimittel bevorzugt über die Nasenschleimhaut, die Haut und als Injektion verabreicht.

Abb. 1 Harpagophytum procumbens (Teufelskralle), Fam. Pedaliaceae, beheimatet im Gras- und Buschland Süd- und Ostafrikas (Foto aus PAHLOW 1993). Die Pflanze wird als Phytotherapeutikum sowie als Homöopathikum bei Beschwerden des Bewegungsapparates eingesetzt.

Da homöopathische Arzneimittel sich gegenseitig beeinflussen können, lehnte Hahnemann die Verabreichung von sog. Komplexmitteln ab und stellte das Prinzip der Unitas remedii, d.h. die Wahl nur eines einzigen Mittels (höchstens zwei, diese durften nicht gemischt, sondern mussten im Wechsel gegeben werden), in den Mittelpunkt homöopathischer Behandlungen. In späterer Zeit wurden dennoch mehrere homöopathische Arzneimittel zu Komplexmitteln zusammengestellt.

Monographien der homöopathischen Arzneimittel und deren Prüfungsmethoden sowie die Herstellungsverfahren homöopathischer Arzneimittel finden sich im Homöopathischen Arzneibuch (HAB, seit 1978 amtlicher Charakter und muss in jeder deutschen Apotheke vorhanden sein).

Hahnemann entwickelte die homöopathische Heilkunde für die Behandlung des kranken Menschen, jedoch erstellte Hahnemann ein unveröffentlichtes Manuskript mit dem Titel „Homöopathische Heilkunde der Haustiere“. In diesem forderte er die Prüfung von Arzneimitteln an gesunden Tieren und die Erstellung einer Materia Medica für die Tierheilkunde. Bis heute sind in mehreren Ländern wichtige Standardwerke entstanden und werden fortlaufend ergänzt.

Abgrenzung zur „Kleinen Homöopathie“

Die klassische Homöopathie (auch als „Große Homöopathie“ bezeichnet) wird als eigenständiges Therapieverfahren betrachtet und ist ein in sich geschlossenes Konzept mit ausformulierten Ansichten über Ursache, Verlauf und Behandlung von Krankheiten. Hahnemann selbst behandelte vor allem mit Hochpotenzen im C- und später auch im LM-(Q)-Bereich (1:50.000). Mit der großen Homöopathie können sowohl akute als auch chronische Beschwerden behandelt werden. In der Kleinen Homöopathie (auch klinische Homöopathie bzw. homöopathische Therapie nach bewährten Indikationen) wird die Homöopathie nicht als eigenständiges Konzept betrachtet, sondern innerhalb des konventionellen Rahmens der Schulmedizin ausgeübt. Es wird zwar nach homöopathischen Prinzipien verabreicht, aber innerhalb konventioneller Vorstellungen über Ursache und Verlauf von Erkrankungen. In der Kleinen Homöopathie werden vor allem Niedrigpotenzen als D-Potenzen eingesetzt, ihr Einsatz findet sich vor allem bei akuten Erkrankungen. Die Grenzen zwischen Großer und Kleiner Homöopathie sind willkürlich gezogen und nicht immer scharf, so dass es zu Überlappungen kommt.

Zurück nach oben

Funktionsweise der klassischen Homöopathie

Da für die homöopathische Therapie im Wesentlichen die Gesamtheit der Symptome und die Ganzheitlichkeit des Organismus von entscheidender Bedeutung ist, kann die klassische Homöopathie bei den verschiedensten Erkrankungen eingesetzt werden. Gesundheit bedeutet im Sinne ganzheitlicher Heilmethoden, dass sich Körper und Geist in einem harmonischen Gleichgewicht befindet. Wird diese Harmonie durch negative Einflüsse gestört, können sich Krankheiten entwickeln. Diese Beschwerden sind im Sinne der Homöopathie als sinnvolle und wichtige Reaktion des Körpers zu werten. Sie sind Ausdruck dafür, dass der Körper versucht, seine Selbstheilungskräfte zu aktivieren, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Hahnemann bezeichnete diese Selbstheilungskräfte als Lebenskraft.

Die Lebenskraft (z.B. bezeichnen Chinesen in der fernöstlichen Medizin die Lebenskraft als Chi, in der westlichen Medizin ist der Begriff unbekannt) ist ein immaterielles Prinzip zur Eigenregulation (d.h. die Fähigkeit, ein gesundes Gleichgewicht wieder herzustellen), welches in jedem Organismus wirkt. Dieser immateriellen Lebenskraft werden mit Hochpotenzen ab der C 12 (entspricht der D 23, es sind keine Moleküle der Ausgangssubstanz mehr nachweisbar) immaterielle Informationen zugeführt.

Exkurs Unterstützung durch die Physik: Die neuesten Entwicklungen in der modernen Physik unterstützen interessanterweise die ganzheitliche und vitalistische Denkweise.

Physiker übernahmen die Vorstellung von Newton, dass die Welt aus winzigen Partikeln, kleinen „Materie-Grundeinheiten“ besteht, also aus Elektronen, Protonen und Neutronen. Auf ihrer Suche nach noch kleineren Partikeln, in der Hoffnung, schließlich den ultimativen Grundbaustein zu entdecken, aus dem alles andere gebildet wird, sind die modernen Physiker allerdings (noch) nicht fündig geworden. Stattdessen wurden Modellvorstellungen entwickelt, denen eine völlig andere Sichtweise zugrunde liegt. Demnach sind Partikel bloße lokale Verdichtungen eines Energiefeldes (Informationsfeldes), konzentrierte Energie, die kommt und geht und dabei ihren individuellen Charakter verliert und sich in darunterliegendem Feld auflöst. So besteht Zweifel daran, dass man Dinge analysieren könnte, als handelte es sich um voneinander getrennte Entitäten oder Teile, denn alle Phänomene sind nach dieser Modellvorstellung Manifestationen eines gesamthaften Energiefeldes, das der Manifestation zugrunde liegt.

Exkurs Ende

Die Homöopathie stellt eine sehr individuelle Reiz- und Regulationstherapie dar. Mit Hilfe des homöopathischen Mittels wird im Körper ein Reiz gesetzt, auf dem der Organismus - geistig, seelisch (Wirkung der Hochpotenzen) und körperlich - antworten muss. Diese Antwort hat zur Folge, dass die körpereigene Regulation zur Überwindung der Krankheit in Gang gesetzt wird. Unabdingbar für eine Heilung ist eine sehr große Ähnlichkeit des Arzneibildes mit dem vorliegenden Krankheitsmuster. Die Arznei hat die Fähigkeit, den Heilungsprozess des Patienten anzuregen, weil ihr eigenes Muster dem der Krankheit so ähnlich ist, dass der Körper die beiden nicht unterscheiden kann. Dabei muss der Arzneireiz immer um etwas größer sein als die Krankheit selbst. Infolgedessen bemüht sich die Lebensenergie des Patienten noch mehr als vorher, ein gesundes Gleichgewicht wiederherzustellen. Dazu bedient er sich aller normalen Heilungsmechanismen – Fieber, Entzündung, Absonderung (Schweiß, Durchfall, Erbrechen, Wundsekret), Bildung von Interferon, Antikörpern etc. Die Homöopathie wirkt also synergistisch und wirkt den Symptomen nicht entgegen – in der Folge kommt es auch zu keiner Unterdrückung von Symptomen wie in der allopathischen Medizin. So kommt es bei chronischen Krankheiten in der Regel zu einer Heilkrise/ Verschlimmerung; die charakteristischen Symptome werden kurzzeitig verstärkt, wobei sich der Patient insgesamt aber schon besser fühlt (sehr hohe Potenzen wie z.B. C 10.000 rufen häufig eine stärkere Erstverschlimmerung hervor als niedrige Potenzen – eine Ausnahme bilden die Q-Potenzen, die trotz der Verdünnungsstufe 1:50.000 zwar tiefgreifend, aber gleichzeitig mild wirken). Der spezifische Heilreiz bewirkt eine Stärkung der Selbstheilungskräfte und der Patient geht gesünder und widerstandsfähiger aus der Krankheit hervor.

Eine wesentliche Voraussetzung ist aber auch, dass die natürlichen Regulationsmechanismen des Körpers noch erhalten sind, d.h. noch keine Strukturen zerstört sind. Häufig sind diese Steuerungsprozesse in fortgeschrittenen Stadien chronischer Erkrankungen erschöpft oder so deformiert, dass eine homöopathische Behandlung nur eine eingeschränkte und verlangsamte Wirksamkeit hat (u.a. nach dem langen Einsatz von Kortison z.B. bei Ekzemen, Allergien und rheumatischen Erkrankungen). Auch kann es vorkommen, dass ein Patient überempfindlich reagiert und bei bestimmten Mitteln oder sogar jedes Mal eine Arzneiprüfung durchlebt. Oft liegt dieser Überreagibilität eine langdauernde Vorbehandlung mit vielen homöopathischen Mitteln oder Komplexpräparaten zugrunde. Diese Patienten sind äußerst schwierig zu behandeln und dürfen auf keinen Fall zu hohe Potenzen erhalten. Gute Erfolge werden u.a. bei Allergien (der Atemwege-Husten, Heuschnupfen, chronische Ekzeme), bei Erkrankungen des Bewegungsapparates (wie Lahmheiten, Arthrose, Verletzungen), bei Erkrankungen des Verdauungsapparates (Durchfälle, Koliken, Verstopfung), bei hormonellen Störungen (wie Fruchtbarkeitsstörungen, Entwicklungsstörungen) und Verhaltensauffälligkeiten (z.B. nach dem Verlust der gewohnten Umgebung, Unsauberkeit bei Katzen) erzielt. Ebenso findet die Homöopathie Anwendung in der Ersten Hilfe und als Vor- und Nachbereitung von Operationen. Zur Besserung der Gesundheit und Minderung der Krankheitsanfälligkeit werden sog. Konstitutionsmittel eingesetzt.

Exkurs Konstitutionsbehandlung:Unter „Konstitution“ versteht man insgesamt alle körperlichen und seelischen (angeborenen und erworbenen) Eigenschaften eines Tieres, wozu dessen individuelle äußere Erscheinung (Habitus) und Wesens- und Verhaltensmerkmale (Typus) gehören.

Die Bezeichnung „Konstitutionsbehandlung“ geht nicht auf Dr. Hahnemann zurück, sondern wurde klassischen (Tier)Homöopathen im Laufe der Zeit zu einem Begriff für die ganzheitliche bzw. „konstitutionelle“ Behandlung von chronisch (länger bestehend) kranken Menschen und Tieren. Viele Arzneien der Homöopathie gehören zu den sogenannten Konstitutionsmitteln – und in diesem Zusammenhang spricht man auch davon, dass ein Tier und ein Mensch individuell-ganzheitliche Ähnlichkeit mit einem bestimmten „Konstitutions-Typ“ oder auch „Arznei-Typ“ hat, wie z.B. mit dem „Sulfur-Typ“, mit dem „Phosphorus-Typ“ oder mit dem „Sepia- Typ“. Ein bestimmter „Konstitutions-Typ“ zeigt oft eine Disposition (Neigung) zu ganz bestimmten Erkrankungen.

Aber gewiss nicht jedes Tier (Mensch) hat sein Leben lang Ähnlichkeit mit ein und demselben Konstitutionsmittel, weil es sich durch verschiedene Begebenheiten verändert (z.B. Erkrankungen, Traumata, Impfungen, andere Einflüsse). Auch wird nicht jeder chronisch Kranke durch sein aktuelles Konstitutionsmittel geheilt, sondern braucht zu Beginn oder im Verlauf der Behandlung eine homöopathische Arznei, die zu der Zeit Ähnlichkeit mit seinen Beschwerden aufweist oder sein Konstitutionsmittel ergänzt. Tiere und Menschen mit einer stabilen Reaktionslage (d.h. meist sehr gesunde Individuen) benötigen im Krankheitsfall oft ein und dasselbe Mittel. Tiere mit einer eher labilen Reaktionslage (Tiere, die häufig krank sind) benötigen hingegen einen häufigen Mittelwechsel. Bei der Mittelfindung ist weiterhin zu beachten, dass es Mittel für junge Tiere gibt und Mittel, die für das Alter und das Lebensende stehen.

Zurück nach oben

Die Fallaufnahme (Anamnese)

Die einzelnen Bestanteile der Mittelfindung bauen in dargestellter Reihenfolge aufeinander auf: Anamnese => Hierarchisierung => Repertorisation => Arzneimittelvergleich (Materia medica) => Simile. Somit sind alle Bestandteile gleich notwendig und wichtig um die Auswahl des passendsten Mittels nach klassisch homöopathischen Grundsätzen zu erreichen.

Die homöopathische Anamnese beim Tier besteht aus einem Spontanbericht des Tierhalters (Beschreibung der Beschwerden und weshalb das Tier vorgestellt wird) und gezielter Befragung des Tierbesitzers sowie aus Beobachtung und klinischer Untersuchung des Patienten (eventuelle Befunde, Laborberichte etc. des behandelnden Tierarztes).

Mittels der vorliegenden Ergebnisse der Untersuchungen können die vom Besitzer beschriebenen Symptome verifiziert, und eventuell überdacht werden, ob eine Behandlung nach der klassischen Homöopathie als sinnvoll erscheint oder eventuell andere therapeutische Maßnahmen als sinnvoll erachtet werden (u.a. andere Naturheilverfahren wie manuelle Verfahren, z.B. Physiotherapie, Chiropraktik – oft ergänzend zur homöopathischen Vorgehensweise - ; Phytotherapie etc.).

Die Erhebung des individuellen Krankheitsbildes beinhaltet eine detaillierte Anamnese unter Berücksichtigung aller körperlichen und seelischen Symptome des Patienten. Von besonderem Interesse sind dabei die individuellen, ungewöhnlichen, paradoxen und auffallenden Symptome (z.B. durstlos trotz hohen Fiebers, Unverträglichkeit von Wärme trotz Frieren etc.). Auch Erkrankungen in der Vergangenheit sowie bestimmte Vorlieben und Abneigungen können dem Therapeuten wichtige Informationen geben. Der nachfolgende Vergleich von Krankheitsbild und Arzneibild erlaubt letztendlich die Selektion des Simile, d.h. des Mittels, das am besten zu dem entsprechenden Fall passt.

Im Folgenden sollen einige Fragen vorgestellt werden, die bei der homöopathischen Anamnese von zentraler Bedeutung sind:

· Wer ?

Wer ist dieses Tier mit diesem Aussehen, dieser Anlage und Verfassung ? Die Antwort sind Aussagen zur Konstitution und zum Reaktionsvermögens des Tieres Wichtig ist dabei auch eine Unterscheidung von Symptomen, die eher rassespezifisch und somit physiologisch sind und daher für die Mittelfindung nicht primär herangezogen werden können. Dies gilt auch für die nachfolgenden Fragenkomplexe.

· Was ?

Was für Veränderungen sind psychisch (Geistes- und Gemütssymptome - Verhaltensauffälligkeiten, Verhalten seit der Erkrankung) oder physisch aufgetreten ? Welche Beschwerden treten gemeinsam oder im Wechsel auf ?

· Wo ?

An welcher Lokalisation sind die Beschwerden aufgetreten (Abfrage nach Kopf-zu-Fuß-Schema) ? Betreffen sie den ganzen Körper oder sind sie einem Organ oder System zu zuordnen ? Wohin dehnen sie sich aus oder strahlen sie aus?

· Wie ?

Wie sehen die Veränderungen aus ? Welcher Art sind die Schmerzen oder Empfindungen, die am Tier zu beobachten sind ? Wie lange dauern die Beschwerden bereits an ?

· Wann ?

Wann und unter welchen Umständen sind die Beschwerden erstmalig aufgetreten (Causa) ? Sind sie plötzlich oder allmählich erschienen, und kehren sie periodisch wieder ? Wann bzw. durch welche Umstände werden sie gebessert oder verschlimmert ?

Wichtig sind ebenso Informationen u.a. über Wurmkuren, Impfungen, Medikationen, Erkrankungen der Eltern- und Geschwistertiere, Familiensituation und Haltungsbedingungen.

Zurück nach oben

Die Hierarchisierung von Symptomen und Auswahl von Rubriken

Nach der Fallaufnahme (Anamnese) sind die Symptome und Angaben nach ihrer Wichtigkeit zu hierarchisieren. So sind z.B. Allgemeinsymptome den Lokalsymptomen vorzuziehen, da Allgemeinsymptome die Gesamtheit des Patienten betreffen und somit höher zu bewerten sind, während Lokalsymptome lediglich auf ein bestimmtes Areal beschränkt bleiben. Eine Heilung erfolgt i.d.R. nach den Hering’schen Regeln, demzufolge sich zunächst die Allgemeinsymptome bessern, bevor die Lokalerkrankung heilt. Es ergibt sich folgende Ordnung der Symptome nach Wichtigkeit:

  1. Causa: die vermutete oder gesicherte veranlassende Ursache (Cave: nicht die Ursache aus schulmedizinischer Sicht; z.B. Folge von Durchnässung, oder von kalten, trockenen Wind etc.
  2. Geist-Gemüts-Symptome (Verhaltenssymptome): bei fast jeder körperlichen Erkrankung sind auch Änderungen des Verhaltens festzustellen; diese können bei entsprechender Genauigkeit auch zur Arzneimittelfindung herangezogen werden.
  3. Allgemeinsymptome, Modalitäten (z.B. Besserung/Verschlechterung durch welche Umstände ?), spontane Äußerungen: Symptome, die den gesamten Organismus betreffen, z.B. Hunger, Durst, Ausscheidungen, Schlaf, Sexualität, Gewohnheiten, Vorlieben, Abneigungen und Unverträglichkeiten sowie grundsätzliche Modalitäten.
  4. Lokalsymptome: Symptome, die auf einzelne Organe oder Körperregionen beschränkt sind.

Nachdem die relevanten Symptome zusammengestellt sind, werden die Rubriken in einem Repertorium bestimmt und von jedem Symptom die Mittel und die Wertigkeit der Mittel erfasst. Ein Repertorium ist ein Inhaltsverzeichnis von Symptomen, die nach einem bestimmten Schema eingeteilt sind. Das Aufsuchen dieser Symptome wird als Repertorisation bezeichnet. Bei jedem Symptom werden die Mittel in verschiedenen Wertigkeiten aufgeführt, die dieses Symptom bei der Arzneimittelprüfung am Gesunden hervorgerufen oder beim Kranken geheilt haben. Die wichtigsten durch die Repertorisation bestimmten Mittel werden mit der Materia medica verglichen; das Mittel, dessen Arzneimittelbild den Krankheitsfall am besten abdeckt, wird anschließend ausgewählt.

Zurück nach oben

Der Heilungsverlauf

Nachdem das passende Mittel verordnet und verabreicht wurden, ist es wichtig, den Heilungsverlauf genau zu verfolgen. Hierzu hat Constatin Hering die sog. Hering’schen Regeln aufgestellt. Sie besagen, eine Heilung erfolgt

- von innen nach außen

- von oben nach unten

- von den wichtigen zu den „unwichtigen“ Organen

- in der umgekehrten Reihenfolge, in der die Symptome aufgetreten sind

Meist erfolgt bei dieser retrograden Aufwicklung der Krankengeschichte keine tiefgreifende organische Manifestation der früheren Erkrankungen, auch wenn bestimmte Symptome - in der Regel kurzfristig - wieder auftreten. Es müssen auch nicht zwangsläufig alle früheren Erkrankungen erneut erscheinen: In der Regel treten am ehesten solche auf, die früher unterdrückend behandelt wurden. Die Heringsche Regel erlaubt eine Bewertung des Heilungsverlaus sowohl bei akuten als auch bei chronischen Krankheiten.

Homöopathische Arzneimittel können, falsch angewandt, durchaus auch schaden. Es können Krankheiten in tiefere Ebenen verschoben oder sog. Arzneimittelprüfungssymptome ausgelöst werden. Bei einer homöopathischen Behandlung sind Rückmeldungen des Tierhalters besonders wichtig ! Gegeben falls muss eine erneute Anamnese erstellt werden und z.B. bei chronischen Krankheiten Folgemittel bestimmt werden.

Cave: Pflanzen mit ätherischen Ölen, wie Minze-Arten und Kamille, sowie Menthol und Campher (Inhaltsstoff aus dem Kampferbaum, Fam. Lauraceae) heben die Wirkung homöopathischer Mittel auf.

Zusammenfassendes

Samuel Hahnemann hat uns ein wertvolles Geschenk gemacht: Die Homöopathie

Und wer sich seinen Leitsatz immer vor Augen hält "Mach's nach, aber mach's genau nach" und danach handelt, der wird mit ihr oft wundersame und wundervolle Heilungen erleben (Zit. FÜNFROCKEN 2008).

So ist Similia similibus kein Naturgesetz, sondern eine ganz konkrete Handlungsanweisung. Das kommt auch in Hahnemanns bereits zitiertem Satz zum Ausdruck:

"Wähle (....) eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden (...) erregen kann, als sie heilen soll".

Similia similibus curentur gibt dem Behandelnden also eine therapeutische Regel, eine therapeutische Leitlinie an die Hand, wie in der Praxis kranken Menschen und Tieren geholfen werden kann. (Zit. WISCHNER 2009)

Zurück nach oben

Literatur

FÜNFROCKEN, M. (2008): Praktische Tierhomöopathie. Naryana-Verlag.

HILLER, K., F. MELZIG (2003): Die große Enzyklopädie der Arzneipflanzen und Drogen. Elsevier GmbH, Heidelberg.

Klassische Veterinärhomöopathie. Fernstudienbriefe 1-13, Bildungswerk für therapeutische Berufe, Remscheid 2008.

KRAFT, H., B. LIMBACH (2005): Consilium Cedip Veterinaricum, Naurheilweisen am Tier. Sonderausgabe Lehmanns Fachbuchhandlung.

KRÜGER, C. P. (2010): Praxisleitfaden Tierhomöopathie. Sonntag-Verlag, Stuttgart.

MARX-HOLENA, H. (2011): Klassische Homöopathie für Pferde. BLV-Verlag, München.

PAHLOW, M. (1993): Das große Buch der Heilpflanzen. GU-Verlag.

PITCAIRN, R., S.H. PITCAIRN (2012): Natürliche Gesundheit für Hund und Katze. Narayana Verlag.

SCHMIDT, A. (2003): Grundkurs in klassischer Homöopathie für Tierärzte. Sonntag- Verlag, Stuttgart.

WISCHNER, M. (2009): QuickStart Homöopathie. Hippokrates-Verlag, Stuttgart.